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Familienwochenende 2009

Das Familienwochenende vom 5.Juni bis 7.Juni 2009 inTravemünde- Brodten

Das Familienwochenende 2009 stand unter dem Motto Kinästhetik für die Rett-Kinder und Eltern, individuelle Klangmassage für die Rett-Mädchen und Frauen, einer spannenden Erlebniszeit für die Geschwisterkinder und natürlich dem Erfahrungsaustausch der Eltern.

Wir hatten das Wochenende derart gestaltet, dass weder die „Seminarzeit“ noch das gemütliche Miteinander zu kurz kamen. Saunaabende, das gemütliche Beisammensein im Reetdach- Haus sowie unsere beliebte Disco für Jung und Alt gehören zum Erholungsstandart Nord!

Kinästhetik – Mehr Autonomie für alle BeteiligtenWir hatten ein fachlich anerkanntes und erfahrenes Trainerteam zum Thema Kinästhetik zu uns in das Theodor Schwarz Hauses in Brodten geladen. Dessen Ziel war es, uns für unsere eigene und die Bewegung unserer Kinder zu sensibilisieren, damit wir Unterstützungspotentiale für den bewegtenAlltag erkennen und nutzen können. Das Team bestand aus den drei von der DG Kinästhetik e.V. anerkannten Aufbaukurs-TrainerInnen Karin Kern, Thomas Jannsen-Höppner und Martina Bley, die das Team leitete.


Die Finanzierung dieser exzellent ausgebildeten und praxiserfahrenen Fachkräfte haben wir fast ausschließlich über eine Kostenerstattung bei den Krankenkassen nach § 45 SGB XI (Pflegekurse für pflegende Angehörige) gesichert. Jeder Teilnehmer konnte bereits per Antrag vorab die Kostenerstattung bei der jeweiligen Kasse beantragen. In fast allen Fällen erfolgte ohne Probleme die komplette Kostenübernahme.

Die Einführung in die Materie am ersten Abend des Familienwochenendes bestand nicht nur in theoretischem Wissen rundum Kinästhetik sondern auch in einem Trainingsbericht von Herrn Jannsen-Höppner, der uns seine kinästhetische Arbeit mit dem Rett-Mädchen Sofia Bremer vorstellte, die er über ein halbes Jahr hinweg per Video dokumentiert hatte. So wurde uns anschaulich und eindrucksvoll gezeigt, dass regelmäßig angewendete Kinästhetik am Patienten direkt zu dessen Bewegungserhalt und zur Bewegungsflexibilität führt. Herr Jannsen-Höppner arbeitete mit Sophia, ähnlich wie in der Krankengymnastik, an Bewegungsabläufen, die es ihr ermöglichen, ihre eigenen körperlichen Möglichkeiten wieder abzurufen und zunehmend selbstständig einzusetzen.

Aus der anschließenden Diskussion über unsere Erwartungen an das Seminar entwickelte sich schnell eine zeitliche und inhaltliche Struktur für das Wochenende. Unsere Wünsche wurden schwerpunktmäßig zu Übungseinheiten zusammengefasst. Individuelle Probleme konnten in Einzelsitzungen mit der jeweiligen Familie inklusive Rett-Kind ganz praxisnah erarbeitet werden. 

Zwar konnten wir nicht ahnen, in wieweit sich die von den TrainerInnen an diesen zwei Tagen vermittelten Körper- und Bewegungserfahrungen auf unser Handeln „danach“ auswirken sollte, doch stellte sich von Anfang an Begeisterung ein. Wir lernten bestimmte, erlernbare kinästhetische Techniken, die wir Erwachsenen zunächst ausgiebig und mit viel Spaß mit- und untereinander erprobten. Einfache Mittel wie Hebelwirkung oder Gewichtsverlagerung können wirkungsvoll unsere Kraftressourcen und den belasteten Rücken schonen. Fast wichtiger jedoch war, dass wir lernten, die Fähigkeiten des anderen aktiv zu suchen und in die gemeinsameBewegung einzubeziehen. Hatten wir bis dato der zu bewegenden Person z.B. bein Tranfer vom Bett in den Rollstuhl oder dem Aufstehen eine passive Rolle zugeschrieben, stellten wir nun ihre Aktivierung in den Vordergrund. Dies veränderte grundsätzlich die Haltung gegenüber unseren Mädchen, die dadurch zum aktiven Partner des Geschehens werden wodurch auch ihr Selbstbewusstsein steigt.

In den 1:1-Sitzungen konnten die TrainerInnen sich den individuellen Problemen in den einzelnen Familien widmen. Zusammen machten wir uns auf die Suche nach einer passenden Bewegungs-Lösung, wobei die offene und kreative Haltung gegenüber der Situation (z.B. aktuelle Fähigkeiten der Beteiligen, Möglichkeiten und Grenzen von Hilfsmitteln) erste Erfolge sicherte.

Plötzlich eröffneten sich für uns neue Freiräume, da wir für bestimmte Situationen eine Autonomie zusammen mit unseren Töchtern entwickeln konnten, z.B. sie vom Boden in Rollstuhl zu bewegen, ohne auf die Hilfe einer 2. Person angewiesen zu sein und ohne sie heben zu müssen.

Familien mit Läuferkindern erarbeiteten Strategien, wie sie problematische Verhaltens- und Bewegungsmuster durchbrechen und so ihren Handlungsspielraum erweitern konnten. Wir erhielten entscheidende „Hilfsmittel“ für unseren „Handwerkskoffer“.

In der Kinästhetik haben die Stärkung von Selbständigkeit und damit Selbstvertrauen der Betroffenen oberste Priorität. Das konnten wir an diesem Wochenende deutlich erleben. Angestoßen durch die Erfahrungen des Kurses haben wir uns auf den gemeinsamen Weg gemacht, zu lernen, …

Zeit und Raum statt Kraft zu investieren.

… unseren Körper als Unterstützer zu nutzen.

… dass Knochen Gewicht tragen können.

… die Umgebung als Unterstützung zu nutzen.

… Bewegungsmuster von unserem Gegenüber zu entdecken.

… Gewohnheiten zu überprüfen und ggf. zu ändern.

… Hilfsmittel unter kinästhetischen Aspekten zu betrachten und zu nutzen.

Fazit: Geblieben ist die Lust und die Freude, gemeinsam zielorientierte Bewegungen zu entdecken und Handlungsräume für mehr Autonomie zu erschließen.

Schulung in häuslicher Umgebung

Wer das Bedürfnis hatte, das Erlernte vom Familienwochenende zu vertiefen, konnte dem in einem Gespräch mit unserer Trainerin Frau Bley nachkommen. Sie erläuterte uns die Möglichkeit der Schulung in häuslicher Umgebung, auf das wir nach § 45 b, SGB XI ein Anrecht haben und bot ihre Dienste an.

Einige Familien haben diese Möglichkeit zügig in die Tat umgesetzt, da der Umgang mit speziellen Hilfsmitteln bei dem Familienwochenende nicht gegeben war. Auf der Suche nach Lösungen für den Rücken schonenden Alltag konnten wir sogar die „Königsdisziplin“ der Hilfsmittel- die Befestigung des Kindes in dem NF-Walker- meistern, ohne unseren Rücken durch das schwere Heben zu belasten. Als weitere Beispiele für den Hilfsmittel-Transfer seien genannt: Toilettenstuhl, Autositz, Pflegebett und Therapiestuhl. Immerhin waren einige von uns schon an die Grenzen der körperlichen Belastung gestoßen und haben vom eigenen Körper klare Grenzen gesetzt bekommen.

Mit der Formel Kraft durch Zeithaben wir uns Bewegungsabläufe angesehen, diese analysiert und entsprechende Alternativen gefunden, ausprobiert und für gut befunden.

Wichtig ist dabei, dass alle an der Pflege beteiligten Personen die gleichen Bewegungsabläufe durchführen, damit auch der zu Pflegende die Möglichkeit bekommt, diese zu verinnerlichen und sich entsprechend einzubringen. Ein regelmäßiges Trainieren der Abläufe sorgt für ein geschärftes Bewusstsein desjenigen, der bewegt wird.

Letzteres hat sogar dazu geführt, ein neues Pflegebett als Ersatzbeschaffung bei der Krankenkasse zu beantragen und genehmigt zu bekommen, welches den neu entdeckten Bewegungsmöglichkeiten von Pia Krüggeler, sich aktiv bei den täglichen Transfers einbringen zu können, Rechnung trägt. 

Barbara Bloch & Kristina Krüggeler